Familienklassen

Wie alles begann! - Gründe für die Entwicklung neuer Klassenstrukturen

Schuljahresbeginn!
Acht bis neun aufgeregte Einschulungskinder treten in eine neue Phase ihres Lebens ein. Sie werden Schulkinder! Alles ist neu: Klassenkameraden, LehrerInnen, Klassenraum, Schulgebäude ... 1000 Fragen! "Wie muss ich einen Tisch decken?", "Wo ist das Büro?", "Wenn alle im Stuhlkreis aufstehen, warum soll ich dann sitzen bleiben?", "Wer hilft mir, mich zurecht zu finden?"
Zur Beantwortung all dieser Fragen steht in einer reinen Eingangsklasse nur der Lehrer oder die Lehrerin zu Verfügung. Um das Unbekannte zur festen Größe im Schulalltag der Erstklässler werden zu lassen und ihnen damit Sicherheit bei der Bewältigung des Schulalltages zu geben, ist eine Menge Geduld, Einfühlungsvermögen und vor allem Zeit erforderlich.
Jeder Kollege, der je in einer Eingangsklasse gearbeitet hat, weiß um die Schwierigkeiten. Strukturen müssen aufgebaut sowie Abläufe und Regeln in ständiger Wiederholung erarbeitet werden, damit sie sich festigen und zur Selbstverständlichkeit werden. Grundlagen sollen gelegt werden, damit es den Schülern in den kommenden Jahren leichter fällt, den Schulalltag möglichst selbstständig zu meistern.
Um dieses Fundament zu legen, ist ein hoher Kraftaufwand auf beiden Seiten, nämlich Schülern und Lehrern, notwendig. Die kognitiven Aspekte, also die Vermittlung von Unterrichtsinhalten, müssen häufig ins zweite Schulhalbjahr aufgeschoben werden.
Die Schwierigkeiten, die mit der Übernahme einer Eingangsklasse entstehen, wurden auch in unserem Kollegium immer wieder diskutiert. Dann entstand, innerhalb einer gesamtschulischen Erörterung um die Schaffung authentischer Lernsituationen, die Idee der "Familienklasse". Warum nimmt man nicht die neuen Schüler in schon bestehende "Familien" sprich Klassen auf, in denen sowohl die Erwachsenen als auch die "älteren Geschwister" sprich bereits erfahrene Schüler ihren Platz gefunden haben. Schulleben und Klassenstrukturen können vorgelebt werden und müssen nicht mühsam erarbeitet werden.
Die Hoffnung war, dass sich die jüngeren Schüler durch das Verhalten der älteren Schüler anregen lassen und so Abläufe durch Abschauen viel schneller verinnerlichen.

Wie setzen wir es um? - Konzeptionelle Überlegungen

Die Idee war geboren und man begann zu überlegen, wie ein solches Konzept umgesetzt werden könnte. Das neue Modell des "gemeinsamen Unterrichts" wurde zunächst sehr kontrovers diskutiert. Die Skeptiker äußerten die Bedenken, dass die älteren SchülerInnen als Helfer einspringen müssten und damit ihre eigenen Interessen aus den Augen verlören. Man hinterfragte kritisch, ob die Unterrichtsinhalte soweit differenziert werden können, dass allen SchülernInnen ein adäquates Angebot gemacht werden könne. Häufig auftretende Fragen waren: "Können die älteren Schüler genug lernen?" oder "Haben die jüngeren Schüler genug Zeit zum Spielen?". Die Verfechter des neuen Systems vertraten zunächst die Meinung, dass innerhalb der Familienklassen die Schüler der Vor-, Unter-, Mittel-, Ober- und Werkstufe unterrichtet werden sollten. Zudem war man der Meinung, dass sämtliche Klassen der Schule im Laufe der Zeit zu Familienklassen werden sollten. Mit diesen kontroversen Vorstellungen stieg man in die Diskussion ein und erarbeitete im Austausch der Argumente das heutige Konzept.
Relativ schnell ging man konform, dass die Werkstufe aus dem Modell der Familienklassen herausgenommen werden sollten, denn es zeigte sich nach Durchsicht des bereits bestehenden Werkstufenkonzeptes, dass die Schwerpunkte, nämlich erwachsenenspezifische Lerninhalte, in einer altersheterogenen Klasse nicht den Stellenwert haben können, den sie in der "reinen" Werkstufe haben (siehe Konzept der Abschlussstufe). So war die erste grundlegende Entscheidung getroffen und man beschloss, dass lediglich Vor-, Unter-, Mittel- und Oberstufenschüler Aufnahme in einer Familienklasse finden sollten.
Da die Skepsis innerhalb des Kollegiums immer noch sehr groß war, einigte man sich darauf, zunächst eine Klasse altersheterogen zusammenzusetzen. Im Laufe der Zeit sollten die Erfahrungen kritisch beleuchtet werden und ein kontinuierlicher Austausch über den Fortgang des neuen Modells entscheiden.
Diese Voraussetzungen wurden als Eckpfeiler des neuen Konzeptes vom Kollegium getragen und im Schuljahr 1997/98 wurde durch die Aufnahme von drei Einschulungsschülerinnen in eine schon bestehende Mittelstufe die erste "Familienklasse" gegründet.

Wo stehen wir heute? - Evaluation der bisherigen Erfahrungen

Nach 13 Jahren mit dem "Modell Familienklasse" ziehen wir eine sehr positive Bilanz.
Als wir 1997 starteten, zeigte sich bereits nach kurzer Zeit, dass sich neue Schüler problemlos in das bereits gefestigte System eingliederten. Die schon vorhandenen Strukturen wurden von ihnen übernommen. Deutlich wurde dabei, dass sie sich bei ihren Lernprozessen stark am Vorbild ihrer Mitschüler orientierten und der Lehrer nur am Rande wichtig war. "Alle meine Mitschüler bleiben im Morgenkreis sitzen, also versuche ich es auch.", "Ich decke mit einem älteren Mitschüler den Tisch - das nächste Mal schaffe ich es dann schon allein.", " Wenn ein Älterer mich in das Büro begleitet, finde ich den Weg demnächst ohne seine Hilfe."
Viele Dinge, die mit einer Eingangsklasse mühsam erarbeitet werden müssen, werden hier durch das Miteinander von jüngeren und älteren Schülern nebenbei erlernt. Die SchülerInnen werden sehr schnell selbstständig in der Bewältigung alltäglicher Aufgaben und können so viel schneller in das Angebot von kognitiven Lerninhalten mit eingebunden werden. Als weiterer Vorteil erweist sich unserer Meinung nach, dass die Jüngeren einen starken Willen zur Selbsttätigkeit entwickeln. Angeregt durch das Vorbild der "älteren Geschwister", die viele Alltagsdinge schon allein bewältigen können, ist die Unterstützung des Lehrers häufig nicht mehr erwünscht. "Nein, allein!" ist ein Motto, dass sich die jüngeren SchülerInnen häufig zu eigen machen.
Neben der Sozialisation der Schulneulinge zeigen sich auch positive Auswirkungen für die älteren SchülerInnen, die vorher nicht mit in die Überlegungen eingeflossen waren. Neben der Stärkung des Selbstbewusstseins, das für die persönliche Entwicklung von wesentlicher Bedeutung ist, wird gerade im Bereich des sozialen Lernens vieles zur Selbstverständlichkeit. So die Rücksichtnahme auf Kleinere und das Zurückstellen von eigenen Bedürfnissen. Neben diesen Aspekten bekommt die Eingliederung von stark verhaltensauffälligen Schülern ein immer größeres Gewicht. Viele SchülerInnen, ob jüngere oder ältere, bringen auf der Verhaltensebene  Voraussetzungen mit, die es ihnen erschweren, sich ohne Probleme in das Sozialgefüge Klassenverband einzufinden. Während die SchülerInnen in den jüngeren Altersgruppen häufig sehr bedürfnisorientiert agieren, haben die Älteren oft Schwierigkeiten, in einer altersgleichen Klasse, ihren Platz zu finden. Folgen sind Verhaltensauffälligkeiten, die das Klima in den Gruppen massiv stören. In einer Familienklasse relativieren sich diese Schwierigkeiten. Die jungen SchülerInnen genießen in diesen Klassen eine Sonderstellung, die es ihnen erlaubt, häufig im Mittelpunkt zu stehen. Voraussetzung dafür ist eine unglaubliche Toleranz der älteren SchülerInnen und ihr Einverständnis, dass unterschiedliche Regelwerke für Vor- und Unterstufen- bzw. Mittel- und Oberstufenschüler gelten. Die älteren Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten müssen sich in den neu geschaffenen Klassenstrukturen nicht permanent beweisen und ihren Platz im Klassengefüge "erkämpfen". Man ist einfach "stärker" nur aufgrund der Tatsache, dass man älter ist. Die Einsicht, dass man viele Dinge schon beherrscht und in vielen Bereichen schon selbständiger ist, bedingt wohl eine gewisse Gelassenheit, wodurch der tägliche "Kampf" um den angemessenen Platz in der Gemeinschaft entfällt. Das Motto "Meine Erfahrung macht mich stark" ist für viele verhaltensauffällige ältere Schüler eine Möglichkeit, ohne Stress den Schulalltag zu bewältigen.
Diese Erfahrungen aus dem Alltag werden immer wieder diskutiert und fließen auch in die alljährliche Klassenbildung mit ein. Daneben werden auch die Rahmenbedingungen immer wieder kritisch beleuchtet.
Nachdem man 1997 die erste altersheterogene Klasse gegründet hatte und nach der ersten Zeit ein Resümee zog, zeigte sich, dass es besser sei, drei bis vier Klassen heterogen zusammenzusetzen. Man sah den Vorteil, dass diese dann kooperative Strukturen der Zusammenarbeit aufbauen könnten und so mehr Möglichkeiten zur äußeren Differenzierung geschaffen werden könnten. Es wurde weiter überlegt, dass die altershomogenen Strukturen der übrigen Klassen beibehalten werden sollten, um den Schülern, für die die Strukturen der Familienklasse nicht geeignet sind, die Chance des Wechsels zu erhalten.
Die Grundlagen, die zu Beginn im Kollegium beschlossen wurden, erwiesen sich als richtig und wichtig. So zeigte sich im unterrichtlichen Alltag, dass der Differenzierungsaufwand für Vor-, Unter-, Mittel- und Oberschülern bereits so umfangreich ist, dass den Bedürfnissen von Werkstufen-, also erwachsenen SchülerInnen, in solch einem Bedingungsfeld kaum noch Rechnung getragen werden könnte. Die Entscheidung, drei Familienklassen in einem engeren Rahmen zusammenarbeiten zu lassen, ermöglicht den SchülerInnen, Lerngruppen, die ihrer Neigung und ihrer Leistung entsprechen, aufzusuchen und dort Angebote entsprechend ihrer Lernvoraussetzungen vorzufinden. Es erwies sich zudem als wichtig, neben den altersheterogenen Gruppen die "klassischen" Klassenverbände zu erhalten, da nicht jeder Schüler in einer Familienklasse eine adäquate Möglichkeit zur altersgerechten Sozialisation findet.
So bestehen im Schuljahr 2003/2004 an unserer Schule drei Familienklassen, die in einer Stufe zusammengefasst sind. Durch die kontinuierliche Aufnahme von jüngeren und älteren Schülern entstanden die jetzigen Klassenstrukturen, in denen Vor-, Unter-, Mittel- und OberstufenschülerInnen von- und miteinander lernen.